Bengalinators-Journal
Das Medikament, das Katzen länger leben lassen soll
Seit Monaten geht die Meldung herum, ein Medikament aus Japan könne Katzen dreißig Jahre alt werden lassen. Dahinter steckt echte Forschung, und das Erfreuliche ist: Man kann sie nachlesen. Die entscheidenden Arbeiten sind frei zugänglich, wir verlinken sie unten. Bemerkenswert sind sie — und klein. Behandelt wurden elf Katzen. Beides gehört in dieselbe Zusammenfassung.
Warum ausgerechnet Katzen so oft nierenkrank werden
Im Blut aller Säugetiere schwimmt ein Eiweiß mit dem sperrigen Namen AIM (Apoptosis Inhibitor of Macrophage). Seine Aufgabe ist Müllabfuhr: Sammeln sich in den feinen Nierenkanälchen Trümmer abgestorbener Zellen, heftet sich AIM daran und markiert sie für die Fresszellen des Immunsystems. Der Kanal wird frei, die Niere erholt sich.
Damit AIM das kann, muss es sich zuerst von einem Antikörper namens IgM lösen, an dem es im Blut geparkt ist. Genau hier hat die Katze ein Problem. Eine Arbeitsgruppe um Toru Miyazaki an der Universität Tokio zeigte 2016, dass Katzen-AIM rund tausendmal fester an IgM klebt als das der Maus — schuld ist eine ungewöhnliche Häufung positiv geladener Aminosäuren im Katzen-AIM.
Die Müllabfuhr fährt also nie los. Das ist die Erklärung, die man seither für eine unbequeme Beobachtung anbietet: dass chronische Nierenerkrankung bei alten Katzen so häufig ist wie bei kaum einem anderen Haustier.
Was die Behandlungsstudie gemessen hat
Im Februar 2026 erschien im Fachblatt The Veterinary Journal die Studie, auf der die Schlagzeilen beruhen. Untersucht wurde im Labor hergestelltes AIM, das schwer nierenkranken Katzen verabreicht wurde.
Von 216 untersuchten Katzen kamen jene in die Studie, deren Kreatinin zwischen 2,9 und 5,0 mg/dl lag — das ist fortgeschrittene Nierenkrankheit, nicht der Anfang. Von 26 Katzen mit zusätzlich hohem Indoxylsulfat, einem Urämiegift, bekamen sechs AIM aus der Maus, fünf AIM aus der Katze, fünfzehn blieben unbehandelt. Beobachtet wurde ein Jahr lang.
Der Unterschied ist deutlich: Die unbehandelten Katzen lebten im Mittel 167 Tage. Nach 360 Tagen lebten von den unbehandelten 20 Prozent, von den behandelten 80 bis 83 Prozent. Auch die Nierenwerte und die Urämiegifte verschlechterten sich unter der Behandlung nicht weiter.
- Behandelt: 11 Katzen (6 mit Maus-AIM, 5 mit Katzen-AIM)
- Unbehandelte Vergleichsgruppe: 15 Katzen
- Beobachtungszeit: 360 Tage
- Überlebend nach einem Jahr: 80–83 % behandelt, 20 % unbehandelt
- Mittlere Überlebenszeit ohne Behandlung: 167 Tage
Was daraus nicht folgt
Die Autoren nennen ihre Arbeit selbst eine erkundende Vorstudie, ausdrücklich keine Zulassungsstudie. Das ist keine Bescheidenheitsfloskel, sondern die richtige Einordnung: Elf behandelte Tiere sind sehr wenige. Die Studie gibt dazu einen Streubereich an, und der reicht bei der Katzen-Variante von 44 bis 100 Prozent Überlebende. Zwischen „jede zweite stirbt" und „alle leben" liegt eine Welt, und die Zahlen decken beides ab.
Zweitens ging es um schwer kranke Katzen. Über gesunde Katzen sagt die Studie nichts — und damit auch nichts darüber, ob ein gesundes Tier mit AIM länger lebt. Die Zahl dreißig stammt aus Interviews des Forschers, nicht aus den Daten.
Drittens ein Detail, das leicht überlesen wird: Neun weitere Katzen mit niedrigem Urämiegift-Wert überlebten das Jahr zu hundert Prozent — ohne jede Behandlung. Wen man in eine Studie aufnimmt, entscheidet also erheblich mit, wie dramatisch der Unterschied ausfällt.
Nichts davon macht die Arbeit schlecht. Sie macht sie zu dem, was sie ist: ein starker Hinweis, der eine große, sauber verblindete Studie verdient — und noch nicht ersetzt.
Ein unabhängiger Hinweis aus den USA
Interessanter als eine zweite Studie derselben Gruppe ist eine von einer anderen. 2025 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe der Washington State University im Journal of Veterinary Internal Medicine eine genetische Untersuchung an nierenkranken Katzen.
Sie fand eine Variante des Katzen-AIM-Gens — eine Verdopplung im Abschnitt Exon 3 — bei 62 Prozent der untersuchten DNA-Proben. Katzen, die diese Variante doppelt tragen, hatten häufiger ein fortgeschritteneres Krankheitsstadium und häufiger sich verschlechternde Nierenwerte als Katzen ohne die Variante.
Das ist ein anderer Zugang, eine andere Arbeitsgruppe, ein anderer Kontinent — und dieselbe Richtung. Solche unabhängigen Bestätigungen wiegen in der Forschung deutlich schwerer als noch ein Ergebnis aus demselben Labor.
Was das heute für Ihre Katze bedeutet
Zunächst: Kaufen kann man nichts. Am 24. April 2026 hat das Tokioter Unternehmen IAM CAT die Zulassung als Tierarzneimittel beim japanischen Landwirtschaftsministerium beantragt; die Prüfung läuft. Selbst eine Zulassung gälte zuerst für Japan. In der Europäischen Union ist kein AIM-Präparat für Katzen zugelassen.
Vorsicht bei Futter, das mit „AIM" wirbt. Untersucht wurde ein im Labor hergestelltes Eiweiß, das verabreicht wird — nicht ein Futter. Ob ein Futter im Körper etwas Vergleichbares bewirkt, wäre eigenständig zu belegen; die hier besprochenen Studien tun das nicht.
Und das Unspektakuläre, das heute wirklich zählt: Nierenkrankheit tut lange nicht weh und zeigt sich spät. Wer die Werte seiner Katze ab dem mittleren Alter regelmäßig kontrollieren lässt, erkennt sie früher als jedes Medikament sie heilen kann. Welche Werte sinnvoll sind und in welchem Abstand, weiß Ihre Tierärztin — das ist der Punkt, an dem dieser Beitrag aufhört und die Sprechstunde anfängt.
Quellen
Die Originalarbeiten zum Nachlesen.
Wir verlinken bewusst auf die wissenschaftlichen Originaleinträge. Die Links öffnen in einem neuen Tab.
- Grundlage: Katzen-AIM klebt zu fest am Antikörper (2016) Scientific Reports 6:35251, DOI 10.1038/srep35251 — frei zugänglich
- Die Behandlungsstudie an nierenkranken Katzen (2026) The Veterinary Journal 315:106545 — frei zugänglich unter CC-BY-Lizenz
- Unabhängige genetische Untersuchung, Washington State University (2025) Journal of Veterinary Internal Medicine — frei zugänglich
- Mitteilung zum Zulassungsantrag vom 24. April 2026 Meldung des AIM-Instituts und der Herstellerfirma; keine unabhängige Quelle
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